Grundsatzentscheid zur Expo2027 – Grosse Feste feiern ist nicht Staatsaufgabe!

Am 5. Juni stimmen wir Thurgauer über den Kredit zur Machbarkeitsstudie für die Expo2027 ab. Diese Studie kostet insgesamt 9.5 Millionen Franken, wobei der Thurgau 3 Mio., der Kanton St. Gallen 5 Mio. und Appenzell AR 0.8 Mio. Franken tragen werden. Weitere 0.7 Mio. Franken werden von Unternehmen beigetragen. Es geht also vordergründig für den Thurgau nur um die 3 Millionen. Aus meiner Sicht geht es hier aber klar um einen Grundsatzentscheid, ob wir eine Landesausstellung in der Ostschweiz wollen oder nicht.

Die Befürworter machen Stimmung: „Landesausstellungen haben eine Tradition in der Schweiz und diese Tradition muss unbedingt weitergeführt werden. Die Expo2027 ist eine Chance für die Ostschweiz sich zu zeigen und dem Rest der Schweiz zu demonstrieren, dass die Schweiz nicht in Winterthur aufhört. Und diese Expo wird ein Beispiel für Nachhaltigkeit mit bleibenden Werten und Bauten und wichtigen Impulsen für die Wirtschaft, den Tourismus und die Kultur.“ Ja – das sind alles wunderbare Slogans, welche die Befürworter gebetsmühlenartig propagieren und Phrasen, welche Politikern, Kultur- und Wirtschaftsgrössen auf der Website der Befürworter der Expo2027 in den Mund gelegt werden.

Vier Gründe sprechen für mich gegen eine Expo2027:

  1. Fehlende Nachhaltigkeit
  2. Die Zeiten haben sich geändert
  3. Fehlende Infrastruktur
  4. Kosten

1. Fehlende Nachhaltigkeit

Schauen wir zurück auf die Expo.02. Welches sind die nachhaltigen Effekte dieser letzten Landesausstellung? Verschiedene Berichte und Studien zeigen, dass sehr wenig nachhaltig gewirkt hat. So wurden zwar einige tausend Arbeitsplätze geschaffen, diese waren aber nur befristet für wenige Monate verfügbar. Vor allem Studenten, Hausfrauen/Hausmänner und Rentner, aber auch ausländische Arbeitskräfte haben diese temporären Jobs ausgeübt. Nur sehr wenige bleibende Jobs waren zu verzeichnen. Der Tourismus in der 3-Seen-Landschaft hat während der Expo.02 um 16% bei den Übernachtungen zugelegt, bereits 2003 war dieses Wachstum aber wieder dahin. Der Effekt einer Expo verpufft also sehr schnell. Die Verantwortlichen der Expo2027 versprechen zwar das Gegenteil und wollen nachhaltige Werte und Bauten schaffen, aber für mich ist das mehr Wunschdenken.

Der Effekt verpufft schnell!

2. Die Zeiten haben sich geändert

Die Landi 39 fand am Vorabend des 2. Weltkrieges statt, da war nationaler Zusammenhalt gefordert. Die Expo 64 in Lausanne wurde mitten in der Zeit des kalten Krieges durchgeführt, wo der Wehrwillen der Schweiz demonstriert werden konnte. Das waren noch Grossanlässe in einer Zeit, wo es eben wenig solcher Veranstaltungen gab. Diese Zeiten haben sich aber geändert. Heute herrscht eher eine Art Event-Overkill. Seien es Fussball-Euro, WM, Olympiade, Olma, Wega, Schwingfest, Openairs an jedem Sommerwochenende – schnelllebig und übersättigt ist die heutige Zeit. Eine Expo hat da niemals mehr den gleichen Stellenwert. Wollen die Jungen denn überhaupt eine Expo? Würde so ein Anlass genügend nachgefragt? Oder ist es nicht vielmehr Nostalgiedenken der älteren Generationen. Mit den Titeln „Chance“, „Ostschweiz als Gastgeberin“, „Zusammenwachsen der Region“ usw. wird die Expo schon beinahe glorifiziert. Da steckt sehr viel Wunschdenken drin.

Wir haben einen Event-Overkill!

3. Fehlende Infrastruktur

Auch die Expo2027 arbeitet wie schon die Expo.02 mit einem dezentralen Konzept. Meines Erachtens werden aber die lokale Gastronomie und Hotellerie damit überfordert sein. Profitieren werden professionelle Gross-Caterer wie Migros, Coop, usw. und nicht der lokale Gasthof. Dazu werden viele provisorische Gastro-Einrichtungen aufgebaut werden müssen – ohne bleibende Wirkung. Auch die aktuelle Verkehrsinfrastruktur auf Strasse und Schiene wird nicht genügen, so dass auch hier viele temporäre Bauten erstellt werden müssen. Aus ökologischer Sicht sind solche Bauten höchst fragwürdig und in keiner Weise nachhaltig.

Viele temporäre Bauten

4. Kosten

Stand heute geht man von Gesamtkosten von 1.5 bis 2 Milliarden Franken aus. Davon soll der Bund 50% der Kosten tragen. Nur, wird bei solchen Berechnungen immer wieder vergessen, wer den Bund finanziert: das sind nämlich auch wir Steuerzahler! Von den rund 750 Millionen bis 1 Milliarde wird der Kanton Thurgau 45% übernehmen müssen, also rund 225 bis 450 Millionen Franken. Sicher muss man auch die Einnahmenseite berücksichtigen. Mit den Eintritten und Sponsoring soll die Expo finanziert werden. Schaut man aber auf die aktuelle Wirtschaftslage werden die arg gebeutelten Schweizer Unternehmen nicht wahnsinnig spendefreudig sein. Die Expo.02 erzielte bei einem Gesamtbudget von 1.6 Milliarden ein Defizit von rund 600 Millionen Franken. Dieses Risiko besteht auch bei einer Expo2027. Was man ausserdem auch beachten muss, ist die geplante Kandidatur von Graubünden für die Olympiade 2026 – also praktisch parallel zur Expo2027 ein weiterer Grossanlass in der Ostschweiz. Auch hier soll der Bund mit 1-2 Milliarden finanzieren. Kann die Schweiz wirklich zwei solche Grossanlässe innert zwei Jahren bezahlen?

Hohes Kosten Risiko für den Thurgau

Mein Fazit:

Solche grossen Feste zu feiern ist keine Staatsaufgabe! Wir haben in der Schweiz und im Thurgau zurzeit ganz andere Probleme. Die wirtschaftliche Situation der Schweiz innerhalb Europas ist durch die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative alles andere als klar. Der überbewerte Franken stellt die Wirtschaft weiterhin vor grosse Herausforderungen. Die Flüchtlingskrise entspannt sich nicht und wir wissen nicht, was da auf die Schweiz und den Thurgau noch alles zukommt. Und wir wissen auch nicht, was uns das noch alles kosten kann. Zudem bringen die stetig steigenden Gesundheitskosten den Finanzhaushalt in Schieflage.

Der Bund hat angekündigt ein neues Sparpaket auszuarbeiten, der Thurgau hat eben gerade die Leistungsüberprüfung LÜP abgeschlossen und ist an der Umsetzung dieses Paketes.  Was wenn die Expo mit einem Defizit von 500 Millionen abschliesst und der Bund seine Milliarde schon bezahlt hat? Dann kostet dies den Thurgau nochmals 225 Millionen.

Sicher ist die Machbarkeitsstudie das richtige Instrument, um nicht wieder die gleichen Fehler wie bei der Expo.02 zu machen. Gut ist auch, dass das Volk jetzt schon dazu sein Einverständnis geben muss. Aber aus den oben erwähnten Gründen geht es für mich nicht um die Abstimmung zu diesem Kredit für die Machbarkeitsstudie, sondern jetzt schon um eine Grundsatzentscheidung, ob das Volk eine Expo2027 will oder eben nicht. Ich lehne die Expo2027 ab und empfehle am 5. Juni ein klares NEIN zum Kredit.

By | 2017-05-19T08:12:55+00:00 Mai 9th, 2016|Allgemein|0 Kommentare

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Unternehmer und Kantonsrat im Kanton Thurgau Geboren am 19.1.1963, verheiratet, zwei erwachsene Kinder Wohnhaft in Ottoberg/TG

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